Lesegottesdienst 05.04.2020 (Palmarum)

Wochenspruch

Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Johannes 3,14b.15

Der Gottesdienst

Eingangslied EG 592,1-6 Du schenkst uns Zeit

Eingangswort:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Der Herr sei mit uns.

Palmsonntag feiern wir leise.

Das Evangelium des Sonntags erzählt zwar von den lauten Jubelrufen beim Einzug Jesu in Jerusalem. Doch das Predigtwort aus dem Markusevangelium erzählt eine leise Geschichte – wie sie zu diesen Zeiten passt:

Jesus, der sonst auf die Menschen zugeht, sie berührt und ihnen Gutes tut, erfährt in dieser Geschichte selbst etwas. Berührung gehört zum Evangelium

Herr, wir bitten: Komm und segne uns; lege auf uns deinen Frieden. Segnend halte Hände über uns. Rühr uns an mit deiner Kraft.
Amen.

Gebet

Jesus Christus, König und Herr,
auf einem Esel ziehst du bei uns ein.
Umjubelt und verspottet,
gefeiert und verstoßen gehst du den Weg des Lebens.
Hilf uns, deinen Weg zu verstehen,
deinen Frieden zu spüren und
deine Herrlichkeit zu schauen,
jetzt und in Ewigkeit.[1]

Epistel: Philipper 2,5-11

Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Evangelium: Johannes 12,12-19 – Der Einzug in Jerusalem

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Evtl. Apostolisches Glaubensbekenntnis (EG Seite 1150)

Wochenlied EG 91,1-3.7.8 Herr, stärke mich dein Leiden zu bedenken

Predigtwort – Markus 14, 3-9

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Herr, segne dein Wort an uns durch deinen Heiligen Geist. Amen.

Predigt

I.

Was für eine Geschichte in diesen Zeiten. Eine Geschichte von Berührung und Nähe in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Mahnung zum Abstandhalten. In Zeiten von „Corona“ wird die körperliche Zuwendung weniger, muss weniger werden, wenn die schnelle Verbreitung verlangsamt werden soll. Das versteht man – mit dem Kopf. Trotzdem ist es schwer: wenn man nicht mehr von den Kindern in den Arm genommen werden kann, weil die Besuche im Pflegeheim so eingeschränkt sind; wenn man nicht mehr den kranken Vater auf der Intensivstation besuchen kann; wenn selbst Seelsorger und Seelsorgerinnen aus Verantwortung gegenüber dem Pflegepersonal keine Besuche mehr machen von Station zu Station.

Zuwendung, körperliche Zuwendung ist so lebensnotwendig. So erzählt es der Dichter Rainer Maria Rilke[2]: Er wohnte in Paris bei einer Freundin. Jeden Tag gingen sie in ein Café in die Stadt. Jedes Mal kamen sie an einer älteren Frau vorbei, die an der Straße saß und darauf wartete, dass die Vorbeigehenden ihr ein Geldstück in die kleine Schachtel vor ihr warfen. Viele gaben etwas, Rilke aber nicht. Eines Tages fragte ihn seine Bekannte, warum er denn der Frau nie etwas gab. Rilke gab zur Antwort: Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand. Am nächsten Tag, als die beiden wieder bei der Bettlerin vorbeikamen, legte Rilke eine kleine weiße Rose vor die alte Frau und wollte weitergehen. Da blickte die Bettlerin auf, roch an der aufgeblühten Rose, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Am nächsten Tag war die alte Frau nicht an ihrem Platz, auch am übernächsten Tag nicht. Erst nach ungefähr einer Woche saß die Bettlerin wieder an ihrem alten Platz. Die Bekannte fragte Rilke: „Wovon hat denn die alte Frau die ganze Zeit gelebt?“ Und Rilke antwortete: „Von der Rose!“

II.

Menschen brauchen Zuwendung. Auch der Mensch Jesus. Eine Frau unterbricht einfach die Gesellschaft bei Tisch, tritt an den Gast Jesus heran und gießt kostbarstes Öl über Jesu Haar. – Eigentlich eine wunderbare Zuwendung. Doch sofort entsteht Unwillen, zunächst über diese Tat und dann über die Frau, die dies getan hat. Ich kann die anderen Gäste gut verstehen. Nicht nur, dass diese Frau das schöne Alabastergefäß zerbricht, sondern auch, dass sie den Inhalt vollständig auf Jesu Kopf gießt. Der Wert des Nardenöls macht den Jahreslohn eines einfachen Arbeiters aus. Jeder rationale Mensch, hätte diese Verschwendung wohl angeprangert: „Woanders hungern die Menschen und diese Frau wirft das Geld sinnlos zum Fenster raus.“ Doch Jesus unterbricht die Schimpfenden. Er zeigt uns, warum die Frau mit dem Öl ein gutes Werk getan hat. Jesus gibt drei Begründungen.

Erstens ist es ein gutes Werk, weil die Frau den richtigen Zeitpunkt erahnt und genutzt hat.

Die Armen habt ihr immer bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun, mich aber habt ihr nicht allezeit. Die Frau hat offensichtlich verstanden: Jetzt ist der Zeitpunkt, um an Jesus zu handeln. Sie schiebt ihre Tat nicht auf die lange Bank, sondern handelt, wo es nötig ist.

Das ist das Wunderbare in diesen Zeiten: Dass Menschen erkennen, was nötig ist und sich nicht – wie vielleicht sonst – aus Angst vor Kritik und Bedenkenträgern davon abhalten lassen. Politische Entscheidungen und Hilfsmaßnahmen gehen so schnell wie nie durch die Gremien; Kirchengemeinden gehen „online“, auch wenn nicht alles dabei „Topqualität“ und bis ins Letzte ausgereift ist; Menschen singen von Balkonen ihren Nachbarn Mut zu – auch ohne Gesangsausbildung; und endlich kann man auch wieder Freunde einfach so anrufen ohne zu denken: „Die sind eh nicht da!“ oder: „Hoffentlich störe ich nicht.“ Jetzt ist die Zeit, zu tun, was dran ist. Die namenlose Frau tut, was jetzt dran ist: Jesus zu salben. Jesus ist ihr wichtig und ihm will sie jetzt Gutes tun.

Die zweite Begründung ist in einer Nebenbemerkung Jesu versteckt: Sie hat getan, was sie konnte!

Ja, was konnte sie denn? Sie war – so erzählen es die anderen Evangelien – eine Prostituierte. Körperliche Nähe war ihr Geschäft. Und ihre Tat an Jesus ist eine ganz innige, ja fast intime Begegnung. Jesus am Haupt berühren, sein Haar mit dem kostbaren Öl begießen, das drückt außergewöhnliche Nähe und Zuwendung aus. Vielleicht weiß sie sonst keine andere Möglichkeit, Jesus etwas Gutes zu tun. Und Jesus lässt es geschehen.

Mir macht das Mut: Jesus verlangt nichts von mir, was meine Möglichkeiten übersteigt. Vielleicht verlangen dies Menschen von mir, doch Jesus weiß um meine Grenzen und will mich nicht überfordern.

Ein italienischer Bischof hat kürzlich per Videobotschaft den Menschen, die in den Krankenhäusern jetzt arbeiten, einen Auftrag gegeben: „Wenn ihr könnt, dann zeichnet den Sterbenden ein Kreuz auf die Stirn.“ Er hat dabei an gläubige Ärztinnen und Pfleger gedacht. Ob sie es tun? Ob sie sich das trauen?
Im Evangelium heißt es, dass die Frau echtes, unverfälschtes Öl dabeihatte. Echtheit und Ehrlichkeit ist im Umgang mit Jesus gefragt. Ich darf sein wie ich bin, ohne mich verstellen zu müssen. Wenn ich einen Sterbenden mit einem Kreuzzeichen segnen kann – gut! Wenn ich ein Gebet sprechen kann – gut! Wenn ich über die Stirn streichle oder die Hand drücke – auch gut! Doch echt soll es sein, wenn ich Jesus oder meinen Mitmenschen Gutes tun will.

Die dritte und wichtigste Begründung bringt Jesus ganz zum Schluss:

Diese Frau hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

Im Orient wurde der Leichnam nach einer intensiven Reinigung einbalsamiert, bevor dieser dann in ein Felsengrab gelegt wurde. Diese Salbung war die höchste Liebe und Ehre, die man einem Menschen erweisen konnte. Es ist in vielen Religionen wichtig, den Verstorbenen auch körperlich noch zu pflegen, zu waschen, anzukleiden. Schlimm, wenn man das jetzt nicht mehr kann, weil die Gefahr der Infektion zu groß ist oder die gesetzlichen Regeln das verbieten. (Für die muslimischen Mitbürger ist das in dieser Zeit schwer zu ertragen, dass sie dieses Ritual der Waschung nicht mehr vollziehen dürfen.)

Kurz vor dem letzten Mahl Jesu geschieht diese Toten-Salbung des lebendigen Jesus. Wohl ohne es zu wissen hat die Frau Jesus zum messianischen König gesalbt. Eine Art König, ganz anders als sich ihn viele gewünscht oder vorgestellt hatten: Der für die Welt sichtbare Thron dieses Messias wird das Kreuz sein und seine Krone wird als Dornenkrone auf sein Haupt gesetzt. Jesus wird nach diesem Mahl den Weg durch Leiden bis zum Sterben und Tod am Kreuz gehen.
Und so langsam fange ich an zu begreifen, wie groß das ist, was von der Frau getan wurde. So groß, dass man sich immer an sie erinnern soll, wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt.

Vielleicht hat dieses Liebeswerk der Frau Jesus die Kraft gegeben, den Weg ins Leiden zu gehen.

Ganz sicher aber ist dieses Liebeswerk ein Beispiel dafür, was Evangelium bedeutet: Nicht Worte zählen, nicht der erhobene Zeigefinger, der mahnt: Du musst, du solltest, als Christ tut man…! Sondern die Tat, die Liebestat zählt: die Liebestat, die den andern sucht und dem andern nahekommt. Das ist Evangelium! Darum soll man immer von der Frau sprechen.

III.

Ich stelle mir vor, wie der Duft des Nardenöls den ganzen Raum erfüllt: den Raum, in dem Simon sitzt, der weiß, was Krankheit bedeutet; den Raum, in dem die Jünger sitzen und es nach Angst riecht vor dem, was nun auf Jesus, auf sie zukommt; Ich stelle mir vor, wie der Duft sich im ganzen Haus verströmt und alle schlechten Gerüche von Krankheit und Angst wegnimmt; Ich stelle mir vor, wie die Jünger eingehüllt werden von diesem Duft und sie miteinander den Psalm anstimmen: Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

Ich stelle mir vor wie dieser Raum, wie meine Räume, meine Wohnung eingehüllt werden von diesem wunderbaren Duft, der ein wenig so wie Baldrian riecht und die Nerven beruhigt.

Düfte tragen Erinnerungen.

Wer weiß, welche Erinnerung der Duft der Rose bei der Pariser Bettlerin ausgelöst hat. Es hat wohl gereicht, um sich wieder daran zu erinnern, dass auch sie ein Mensch ist, der es wert ist, geliebt zu werden.

Der Duft dieses kostbaren Öls soll für immer die Erinnerung an Jesus und an diese Liebestat tragen. Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis.

Predigtlied: KAA 064,1-4 Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen

Fürbittengebet

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.[3]

Vaterunser

Bitte um Segen
Der Herr segne uns und behüte uns.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen.

Von Sabine Meister und Gottfried Greiner aktualisierte und gekürzte Lesepredigt von
Pfarrer Wolfgang Oertel
Kirchplatz 3, 95369 Untersteinach
wolfgang.oertel@t-online.de

[1] Aus: Gottesdienst feiern.
[2] Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 in Valmont, Schweiz) gilt er als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne.
[3] Nach: Franz von Assisi.


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